Job Shadowing in Island
Anfang Oktober 2025 machen wir uns auf nach Island, um eine Schule kennenzulernen, von der selbst die Lehrkräfte vor Ort sagen, dass sie solch eine Schule noch nicht erlebt haben.
Die Schule heißt Stapaskóli und liegt in Njarðvík, einem kleinen Ort auf der Halbinsel Reykjanes im Südwesten Islands, nur wenige Minuten vom internationalen Flughafen und eine halbe Stunde von Reykjavík entfernt.
Wir werden von unserer Ansprechpartnerin Rannveig empfangen, die für die Sonderpädagoginnen an der Schule verantwortlich ist. Sie führt uns durch das Gebäude und wir sind absolut überwältigt und beeindruckt – von der Eingangshalle, die als Mensa und Forum dient, von der Schwimmhalle und den Hot Tubs, von der Bücherei, die allen aus dem Ort offensteht, von der Sporthalle, die in diesem Moment auch von Seniorinnen und Senioren benutzt wird, von der Ausstattung der Fachräume (Küche, Werkraum etc.), von den riesigen Klassenräumen und von den Räumlichkeiten für die Lehrkräfte. Insgesamt ist ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag investiert worden und das merkt man in allen Ecken.
In den Folgetagen lernen wir alle Klassen kennen, von der ersten bis zur neunten Klasse. Auch das ist ein Unterschied zu Deutschland: dies ist eine Schule für alle, ohne Trennung nach der vierten Klasse. Auf dem Gelände befindet sich auch eine Kita, sodass die Kinder wirklich viele Jahre an diesem Ort verbringen. Vor dem Leitbild, das im Eingangsbereich visualisiert ist, erklärt uns Rannveig, dass sich alle Kinder hier wohl und sicher fühlen sollen. Sie selbst und auch einige Schülerinnen und Schüler stammen aus Grindavík, jener Stadt, die seit Dezember 2023 von den Begleitumständen der Vulkanausbrüche betroffen war. Nur eine Handvoll der ursprünglich gut 3500 Einwohnerinnen und Einwohner ist in die Stadt zurückgekehrt. Vor diesem Hintergrund bekommt das Leitbild ein ganz andere Bedeutung.
Jeder Klassenraum, den sich immer zwei Klassen teilen, besteht nicht nur aus dem sonst so üblichen rechteckigen Raum, sondern aus mehreren „Zonen“: Im Zentrum gibt es einen Bereich, um Dinge zu erklären und zu präsentieren. Dabei handelt es sich um einen zu den Seiten offenen Kreis, bei dem auf der einen Hälfte ein riesiger Bildschirm (eigentlich sind es 9 zusammenhängende Bildschirme) und auf der anderen Seite drei nach oben gehende Sitzreihen sind, also fast wie im Kino. Links und rechts davon befindet sich jeweils ein großer Raum für jede Klasse mit einem Smartboard und mehreren Gruppentischen. Darüber hinaus hat jeder Klassenraum mehrere Gruppenräume, eine Küchenzeile und mehrere Toiletten, sodass die Wege kurz sind.
Jede Klasse, in der zwischen 20 und 50 Kinder sind, hat in der Regel ein bis zwei Klassenlehrkräfte, Lehrkräfte für den Fachunterricht und Assistenzlehrkräfte. Passend zu den Räumlichkeiten und dem Personal wird auch der Unterricht gestaltet – das meiste passiert in Kleingruppen, die immer weiter rotieren. In der ersten Klasse hat beispielsweise eine Gruppe Schwimmunterricht, eine zweite Gruppe Mathe im Klassenraum, die dritte Gruppe liest im Gruppenraum, Gruppe vier schreibt im anderen Gruppenraum und die fünfte Gruppe baut im mittleren Bereich mit Legosteinen. Nach einer Pause wird gewechselt, sodass jedes Kind jedes „Fach“ einmal durchlaufen hat.
Ab Klasse 7 hat jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes IPad. Trotzdem wird nicht ausschließlich digital gearbeitet, sondern es gibt noch alle Bücher und auch einige Aufgaben werden im Heft erledigt. Allerdings werden die Ergebnisse dann beispielsweise fotografiert und über eine schuleigene Plattform an die Lehrkraft geschickt, damit sie diese zu einem späteren Zeitpunkt kontrollieren kann. Wie auch in Deutschland spielt das Thema Handynutzung eine sehr große Rolle. In den Pausen sind viele Jugendliche mit ihrem Smartphone beschäftigt. Eine Klasse hat die Handys zumindest im Unterricht testweise aber auch abgegeben und eingeschlossen.
Die Sonderpädagoginnen, die einen eigenen Förderraum mit Meerblick haben, sind vorrangig in den Klassen und führen parallel zum Unterricht mit einzelnen Kindern Leseförderung im Gruppenraum durch. Das ist der Hauptschwerpunkt der dortigen Unterstützung. Kinder mit größeren Schwierigkeiten besuchen spezielle Klassen an einer anderen Schule.
Obwohl die Schule viele auch internationale Gäste über das Erasmus-Programm hat, hat sich auch schnell herumgesprochen, dass „Guys from Germany“ zu Besuch sind, sodass uns einige Kinder ansprechen, die alle gut Englisch können.
Trotz der Sprachbarriere, die sicher auf unserer Seite höher ist, können wir auf diese Weise gut mit allen in Kontakt treten. Unser großes Glück besteht darin, dass wir relativ schnell die Lehrerin Gudrun kennen lernen, die früher einmal ein Jahr in Österreich gelebt hat, und somit sehr gut Deutsch spricht. Obwohl wir uns viele Fragen zu den Hintergründen etc. auf Englisch vorformuliert haben, können wir so doch noch einmal anders ins Gespräch kommen.
Besonders an dieser Schule ist auch das Lehrerzimmer bzw. der Bereich für die Lehrkräfte, der auch aus mehreren Räumen besteht. Im Zentrum ist eine Küchenzeile mit mehreren Tischen, an denen alle zusammen essen können. Das Besondere ist jedoch, dass jeden Morgen ein gedecktes Buffet bereit steht, an dem man sich (gegen Bezahlung) bedienen kann. Zudem ist dort eine Dame angestellt, die „den Laden in Schuss hält“ und uns Gäste fast wie im Restaurant bedient hat. Von diesem Zentrum gehen mehrere andere Räume ab – einzelne Büros des Leitungspersonals, eine Sofaecke, mehrere Gruppenräume, ein Arbeitszimmer, ein Ruheraum mit Massagefunktion. Auch eine Tischtennisplatte steht zur Verfügung. So kann man sich nur wohlfühlen.
Beeindruckt sind wir auch von der Haltung, die von einer gewissen Lockerheit geprägt ist. Es gibt weniger strenge Regeln und die Schülerinnen und Schüler haben insgesamt mehr Freiheiten. Die Kinder können phasenweise wählen, wo und wie sie arbeiten. Folglich liegen auch einige Kinder kreuz und quer auf dem Boden, um zu arbeiten oder zu malen. Auch der ein oder andere Fuß liegt auf dem Tisch. Auch wenn ein Kind mal keine Lust hat zu arbeiten, wird es eher in Ruhe gelassen bis es wieder bereit ist.
Die Leistungsrückmeldung und –bewertung finden wir ebenfalls sehr interessant. In den meisten Jahrgängen gibt es keine Noten, sondern verbale Rückmeldungen. Dazu gibt es eine digitale Datenbank, in der alle Kinder der Klasse in einer Tabelle aufgeführt sind und in der zu dem entsprechenden Leistungsnachweis eins von vier Symbolen dokumentiert wird, das die Leistung widerspiegelt.
Nach einer Woche mit vielen tollen Eindrücken und Begegnungen in diesem auch außerhalb der Schule faszinierenden Land machen wir uns wieder auf den Heimweg und bedanken uns beim gesamten Team von Stapaskóli für ihre Gastfreundschaft und die Bereitschaft, ihre Schule für uns zu öffnen.